5. November 2021

ISO 27001 im Schnellverfahren? Abkürzungen sind teuer

Von Joachim Reinke

November 5, 2021

Informationssicherheit, ISO 27001, Prozess

Der Gedanke ist verständlich: Können wir das nicht einfach zügig durchziehen?

Gerade wenn Kunden Druck machen, Ausschreibungen laufen oder der Vertrieb ein Zertifikat braucht, wirkt ISO 27001 schnell wie ein Projekt, das man am liebsten beschleunigen möchte. Das Problem ist nur: Schnell ist nicht dasselbe wie oberflächlich. ISO 27001 ist ein Standard für ein Informationssicherheitsmanagementsystem, also für ein System, das aufgebaut, umgesetzt, aufrechterhalten und fortlaufend verbessert werden soll. Genau deshalb funktioniert "kurzer Prozess" nur dann, wenn damit klare Priorisierung und saubere Führung gemeint sind - nicht Abkürzungen an den falschen Stellen.

Die kurze Antwort

Ja, man kann ein ISO-27001-Projekt zügig aufsetzen.

Aber nur unter einer Bedingung: Sie müssen an den richtigen Stellen vereinfachen und dürfen nicht an den tragenden Stellen sparen.

Was oft beschleunigt werden kann:

  • unnötige Perfektion;
  • endlose Dokumentenschleifen;
  • übergroße Scopes (Anwendungsbereiche);
  • Tool-Theater;
  • Diskussionen ohne Entscheidung.

Was sich meist rächt, wenn man es abkürzt oder weglässt:

  • Rollen und Verantwortlichkeiten;
  • Risikomanagement;
  • Management-Commitment;
  • interne Anwendung;
  • internes Audit und Management Review.

ISO 27001 ist ein weltweiter Standard für ISMS und als Rahmen für Unternehmen jeder Größe und Branche. Genau deshalb ist die Norm robust genug für pragmatische Umsetzung - aber eben nicht für bloßes Durchwinken.

Schnell ist nicht das Problem. Beliebigkeit ist das Problem.

Viele Unternehmen verwechseln Tempo mit Schlampigkeit.

Ein schnelles ISO-27001-Projekt kann schnell sein, wenn es:

  • sauber geführt wird;
  • klare Entscheidungen bekommt;
  • auf einen sinnvollen Scope begrenzt ist;
  • und mit erfahrenem Blick die typischen Umwege vermeidet.

Schlecht wird es, wenn "wir machen kurzen Prozess" in Wahrheit heißt:

  • wir kopieren Vorlagen;
  • wir diskutieren Risiken nur oberflächlich;
  • wir hoffen, dass im Audit keiner so genau hinsieht;
  • und wir bringen die Leute im Unternehmen gar nicht richtig ins Boot.

Dann sparen Sie am Anfang Zeit und zahlen später doppelt: mit Nacharbeiten, Frust und einem ISMS, das im Alltag nicht trägt.

Ein Haus baut man auch nicht schneller, indem man das Fundament weglässt

Wenn Sie ein Haus schnell bauen wollen, können Sie vieles beschleunigen:

  • klare Gewerke;
  • gute Koordination;
  • sinnvolle Reihenfolge;
  • erfahrene Bauleitung;
  • Vermeidung unnötiger Extras.

Was Sie nicht sinnvoll weglassen können:

  • Fundament;
  • Statik;
  • Tragwände;
  • Dach.

Bei ISO 27001 ist es ähnlich.

Sie können ein Projekt beschleunigen, indem Sie es professionell führen. Sie können es aber nicht sinnvoll beschleunigen, indem Sie die tragenden Teile nur behaupten statt wirklich aufbauen.

Wo man bei ISO 27001 wirklich Zeit verliert

Die größte Zeitvernichtung in ISO-27001-Projekten entsteht oft nicht durch die Norm, sondern durch schlechtes Vorgehen.

1. Zu großer Scope

Wenn gleich das ganze Unternehmen mit allen Standorten, allen Sonderfällen und allen Randthemen zertifiziert werden soll, wird das Projekt automatisch schwerer. ISO 27001 ist für Organisationen jeder Größe geeignet. Daraus folgt praktisch: Der Scope darf und sollte so gewählt werden, dass er zum Ziel und zur Umsetzbarkeit passt.

2. Perfektionismus an der falschen Stelle

Viele verlieren Wochen mit Formulierungen, Layouts und vermeintlich "schönen" Dokumenten, während die eigentliche Umsetzung noch gar nicht steht.

3. Fehlende Entscheidungen

Wenn unklar bleibt,

  • wer mitmachen soll;
  • welche Risiken im Fokus stehen;
  • welche Maßnahmen wirklich nötig sind;
  • und wann etwas als ausreichend gilt;

dann wird aus ISO 27001 kein schnelles Projekt, sondern ein Dauerzustand.

4. Kein erfahrener Blick auf die typische Reihenfolge

Viele Themen sind bei ISO 27001 nicht schwierig, sondern nur falsch angeordnet. Wer zuerst an den falschen Stellen anfängt, produziert unnötige Schleifen.

Wo man bewusst pragmatisch sein darf

Das ist der wichtige Gegenpunkt: Ein schnelles Projekt ist nicht automatisch ein schlechtes Projekt.

Pragmatisch und sinnvoll ist zum Beispiel:

Ein klar geschnittener erster Scope

Lieber ein kleinerer, tragfähiger Scope als ein großer Scope mit viel Theater.

Schlanke Dokumente

Nicht jedes Thema braucht zehn Seiten. Ein verständliches, passendes Dokument ist meist stärker als ein schöner Normaufsatz.

Vorhandenes nutzen

Wenn bereits gute Prozesse, Tools oder Regelungen existieren, muss man sie nicht künstlich neu erfinden. ISO 27001 verlangt ein funktionierendes System, nicht eine ästhetische Neuerfindung des Unternehmens. Das passt auch zur ISO-Beschreibung als Rahmen, der an Ziele, Prozesse, Größe und Struktur der Organisation anknüpft.

Klare Priorisierung

Nicht alles gleichzeitig. Erst die Dinge, die wirklich tragen müssen.

Wo man auf keinen Fall "kurzen Prozess" machen sollte

Hier wird es wichtig.

Beim Risikomanagement

Wenn Risiken nur pro forma einmal benannt werden, ohne echte Einordnung und ohne saubere Maßnahmenlogik, wirkt das schnell dünn. ISO 27001 ist ausdrücklich risikobasiert aufgebaut und beschreibt das ISMS als Werkzeug, um Risiken rund um Informationssicherheit zu steuern.

Bei Rollen und Verantwortlichkeiten

Wenn niemand klar sagen kann, wer was trägt, hängt das ganze Projekt in der Luft.

Beim Management-Commitment

ISO 27001 ist kein Projekt, das man sauber "unterhalb" der Geschäftsführung verstecken kann. Es braucht Führung, Priorität und Entscheidungen. Dass ISO 27001 als Managementsystemstandard organisationsweit angelegt ist, macht genau diesen Punkt deutlich.

Bei interner Anwendung

Ein Dokument ist noch keine Umsetzung. Wenn Regeln nie im Alltag angekommen sind, wird es später unerquicklich.

Beim internen Audit und Management Review

Diese beiden Themen als reine Formalie zu behandeln, rächt sich oft. Denn genau dort zeigt sich, ob das ISMS wirklich schon auf eigenen Füßen steht.

Die eigentliche Kunst: schnell durch Erfahrung, nicht durch Weglassen

Ein gutes schnelles ISO-27001-Projekt ist selten deshalb schnell, weil weniger gemacht wurde.

Es ist schnell, weil:

Das ist der Unterschied zwischen Abkürzung und Erfahrung.

Was will der Auditor sehen?

Ein Auditor will in der Regel nicht sehen, dass Sie besonders lange gebraucht haben.

Er will aber auch nicht sehen, dass Sie nur durch das Projekt gerannt sind und an den tragenden Stellen Substanz fehlt.

Überzeugend wirkt ein Projekt dann, wenn erkennbar ist:

  • der Scope ist klar;
  • das System ist nachvollziehbar aufgebaut;
  • Risiken wurden ernsthaft behandelt;
  • Verantwortlichkeiten sind klar;
  • und das ISMS wird nicht nur behauptet, sondern getragen.

Ob Sie dafür vier Monate oder neun Monate gebraucht haben, ist weniger wichtig als die Frage, ob das Ergebnis belastbar ist.

FAQ

Kann man ISO 27001 schnell umsetzen?

Ja. Aber nur dann, wenn das Projekt klar geführt wird und nicht an den tragenden Stellen oberflächlich bleibt. ISO 27001 ist ein Standard für Aufbau, Umsetzung, Aufrechterhaltung und fortlaufende Verbesserung eines ISMS.

Was ist der häufigste Fehler beim Wunsch nach Schnelligkeit?

Tempo mit Schlampigkeit zu verwechseln. Dann werden genau die Punkte abgekürzt, die später im Audit und im Alltag wichtig werden.

Wo kann man bei ISO 27001 sinnvoll pragmatisch sein?

Beim Scope, bei der Dokumentlänge, bei der Nutzung bestehender Strukturen und bei der konsequenten Priorisierung.

Wo sollte man nicht abkürzen?

Bei Risikomanagement, Rollen, Management-Commitment, interner Anwendung sowie internem Audit und Management Review.

Heißt "schnell" automatisch "schlecht"?

Nein. Ein schnelles Projekt kann sehr gut sein, wenn es sauber geführt wird. Schlecht wird es nur, wenn Schnelligkeit auf Weglassen statt auf Erfahrung beruht.

Warum funktionieren manche Projekte trotzdem zügig?

Weil erfahrene Begleitung typische Umwege vermeidet, Entscheidungen beschleunigt und die Reihenfolge sauber hält.

Unser Tipp

Schauen Sie Sich einmal an, wie viele Abläufe Sie in Ihrem Unternehmen eigentlich recht "standardisiert" handhaben. In aller Regel stellen Sie fest, dass man diese einfach als Prozess darstellen kann.

Das hilft Ihnen auch bei der Verbesserung und bei der Einarbeitung von neuen Kollegen oder Kolleginnen. Denn Sie haben eine Grundlage, die Sie ändern oder jemandem zum Lesen geben können.

Interesse geweckt?

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Über den Autor

Joachim Reinke

Joachim Reinke unterstützt seit 2017 Unternehmen beim Aufbau praxistauglicher Managementsysteme für Informationssicherheit und Qualität. In dieser Zeit hat er bereits mehr als 100 Unternehmen begleitet. Er ist zertifizierter Lead Auditor und als Dozent für Informationssicherheit und Qualitätsmanagement bei Zertifizierern und Trainingsanbietern tätig. Kunden schätzen besonders seine klare, praxisnahe und verständliche Vermittlung auch anspruchsvoller Inhalte.

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