4. März 2025

BCM: im Notfall weitermachen! Was NIS-2 wirklich verlangt

Von Joachim Reinke

März 4, 2025

BCM, Business Continuity, NIS-2

Business Continuity Management, kurz BCM, klingt erst einmal nach einem Thema für sehr große Unternehmen mit Krisenstab, Lagezentrum und Notfallordnern im Schrank. Das greift zu kurz. Unter NIS-2 ist BCM ein ganz praktisches Thema: Wie stellen Sie sicher, dass Ihr Unternehmen auch dann handlungsfähig bleibt, wenn etwas Ernstes passiert? Das BSI beschreibt BCM genau in dieser Logik als Fähigkeit, auch in Ausnahmesituationen handlungsfähig zu bleiben, mit Strukturen und Prozessen für schnelle, koordinierte und wirksame Reaktion.

Die kurze Antwort

NIS-2 verlangt nicht nur technische Schutzmaßnahmen gegen Angriffe. Die Richtlinie nennt ausdrücklich Business Continuity, einschließlich Backup-Management und Disaster Recovery, sowie Krisenmanagement als Teil der Risikomanagementmaßnahmen. BCM ist damit kein freundliches Extra, sondern ein fester Bestandteil dessen, was betroffene Unternehmen organisatorisch aufbauen müssen.

BCM ist nicht einfach „wir haben Backups“

Das ist einer der häufigsten Denkfehler. Backups sind wichtig, aber BCM ist deutlich breiter. Es geht nicht nur darum, Daten wiederherstellen zu können, sondern darum, kritische Leistungen und Prozesse trotz eines Störfalls weiterzuführen oder zumindest geordnet wieder anlaufen zu lassen. ISO 22301 beschreibt BCM genau als Rahmen, um sich auf Störungen vorzubereiten, ihre Auswirkungen zu reduzieren und die Wiederherstellung sicherzustellen.

Worum es bei BCM wirklich geht

Die praktische Leitfrage lautet: Was muss in Ihrem Unternehmen im Notfall weiterlaufen oder sehr schnell wieder funktionieren? Genau dort beginnt BCM. Nicht bei einer allgemeinen Katastrophenromantik, sondern bei den wirklich kritischen Prozessen, Systemen, Informationen, Abhängigkeiten und Ansprechpartnern. ISO 22301 beschreibt dafür ausdrücklich Planung, Aufbau, Betrieb, Überwachung, Review, Aufrechterhaltung und kontinuierliche Verbesserung eines dokumentierten Managementsystems.

Nicht nur IT-Ausfälle sind ein BCM-Thema

Wer BCM nur als Rechenzentrums- oder Serverthema denkt, denkt zu klein. BCM ist relevant bei Stromausfall, Ausfall von Cloud-Diensten, Telekommunikationsproblemen, kompromittierten Konten, Ransomware, Ausfall wichtiger Mitarbeiter, Unzugänglichkeit von Gebäuden oder Störungen in Lieferketten. Genau deshalb führt ENISA in der NIS-2-Umsetzungsleitlinie Business Continuity und Crisis Management neben Incident Handling, Supply Chain Security und anderen Maßnahmen als eigenes Pflichtfeld.

Der Kern von BCM: vorher denken, nicht nachher improvisieren

Ein Unternehmen ohne BCM hofft im Ernstfall oft, dass die Leute schon irgendetwas Vernünftiges tun. Das kann funktionieren. Es ist aber keine belastbare Strategie. BCM bedeutet, dass wichtige Fragen vorher geklärt werden: Wer entscheidet? Welche Leistungen haben Vorrang? Wie lange darf etwas ausfallen? Welche Ersatzwege gibt es? Wie wird intern und extern kommuniziert? Genau darin liegt der eigentliche Wert: weniger Improvisation, mehr Handlungsfähigkeit. Das entspricht sowohl der BSI-Beschreibung von BCM als auch dem Managementsystemgedanken von ISO 22301.

Ohne Prioritäten wird BCM schnell weichgespült

Ein häufiger Fehler ist, im BCM einfach alles für wichtig zu erklären. Das hilft nicht. Wenn im Notfall alles Priorität 1 hat, hat in Wahrheit nichts Priorität. Ein belastbarer BCM-Ansatz braucht deshalb eine ehrliche Sicht auf kritische Geschäftsprozesse, tolerierbare Ausfallzeiten und notwendige Wiederanlaufziele. Genau dieser Gedanke steckt auch in ISO 22301: Organisationen sollen Risiken identifizieren, sich vorbereiten und Wiederherstellungszeiten verbessern.

BCM ist keine neue Erfindung

Das Konzept des Business Continuity Managements existiert schon lange. Unternehmen können bewährte Methoden und Normen wie ISO 27001TISAX® oder speziell ISO 22301 nutzen, die sich ausschließlich mit BCM beschäftigt. Das bedeutet, niemand muss bei null anfangen – es gibt bewährte Strukturen, auf die aufgebaut werden kann.

BCM braucht klare Rollen

Ein Notfallplan ohne klare Zuständigkeiten ist meistens nur Papier. Im Ernstfall muss klar sein, wer den Vorfall bewertet, wer den Wiederanlauf steuert, wer mit Dienstleistern spricht, wer intern kommuniziert und wer Geschäftsentscheidungen trifft. Genau deshalb gehört BCM nicht nur in die IT. Es ist immer auch Führungs- und Organisationsarbeit. Das BSI beschreibt BCM ausdrücklich als strukturierte und koordinierte Reaktion auf Ausnahmesituationen.

Lieferanten und Cloud-Abhängigkeiten gehören mit auf den Tisch

Viele Unternehmen merken erst im Störfall, wie abhängig sie von einzelnen Dienstleistern, Plattformen oder Standorten wirklich sind. BCM ohne diese Abhängigkeiten bleibt lückenhaft. Wer sich nur auf die eigenen Systeme konzentriert, aber kritische Cloud-Dienste, Kommunikationsanbieter oder externe Betriebsleistungen ausblendet, baut kein belastbares BCM. Dass ENISA BCM im NIS-2-Kontext gemeinsam mit Supply Chain Security und anderen Resilienzmaßnahmen adressiert, ist genau deshalb logisch.

Ein BCM-Plan, der nie getestet wurde, ist nur Theorie

Das ist einer der wichtigsten Punkte überhaupt. Ein BCM-Konzept sieht auf dem Papier schnell ordentlich aus. Die entscheidende Frage ist aber, ob es unter Druck trägt. Wenn Sie nie geprüft haben, ob Ihr Notfallarbeitsplatz funktioniert, ob Kommunikationswege belastbar sind, ob Backups wirklich wiederherstellbar sind oder ob die Verantwortlichen ihren Teil kennen, ist das Konzept bestenfalls eine Vermutung. ISO 22301 betont deshalb ausdrücklich das Überwachen, Reviewen, Aufrechterhalten und Verbessern des Systems.

Der häufigste Denkfehler

Der häufigste Denkfehler lautet: "BCM machen wir später, wenn wir die IT-Sicherheit im Griff haben." Das ist zu kurz gedacht. NIS-2 trennt diese Themen gerade nicht sauber voneinander. Business Continuity, Backup, Disaster Recovery und Krisenmanagement gehören ausdrücklich in denselben Pflichtenkatalog wie Incident Handling und andere Risikomanagementmaßnahmen. BCM ist also kein Bonus nach der Technik, sondern Teil eines belastbaren Sicherheitsniveaus.

Ein pragmatischer Start für Unternehmen

Wenn ein Unternehmen BCM sinnvoll und ohne Theater aufbauen will, reicht für den Start oft schon eine schlanke Vorgehensweise: kritische Prozesse identifizieren, tolerierbare Ausfälle definieren, Abhängigkeiten benennen, Rollen festlegen, Wiederanlaufwege planen und das Ganze testen. Das ist noch kein Hochglanz-Resilienzprogramm, aber es ist ein realistischer Anfang. ISO 22301 ist dafür ein gut passender Referenzrahmen, weil der Standard genau diesen systematischen Aufbau eines BCMS beschreibt.

Was will der Auditor oder Prüfer sehen?

Ein Auditor oder Prüfer will in diesem Bereich in der Regel nicht hören, dass „im Ernstfall schon alle zusammenhalten“. Er will sehen, dass das Unternehmen vorbereitet ist: mit einem strukturierten BCM-Ansatz, nachvollziehbaren Prioritäten, klaren Rollen, realistischen Wiederanlaufzielen und wenigstens grundlegenden Tests oder Übungen. Genau das entspricht dem NIS-2-Gedanken von Business Continuity und Crisis Management sowie dem Managementsystemansatz der ISO 22301

FAQ

Was ist BCM einfach erklärt?

BCM steht für Business Continuity Management. Gemeint ist die strukturierte Vorbereitung darauf, dass ein Unternehmen auch in Ausnahmesituationen handlungsfähig bleibt oder kritische Leistungen schnell wieder aufnehmen kann. Das BSI beschreibt BCM genau in diesem Sinn.

Verlangt NIS-2 wirklich BCM?

Ja. NIS-2 nennt ausdrücklich Business Continuity, einschließlich Backup-Management und Disaster Recovery, sowie Krisenmanagement als Teil der Risikomanagementmaßnahmen.

Reichen gute Backups für BCM aus?

Nein. Backups sind ein Baustein, aber BCM umfasst deutlich mehr: Prioritäten, Rollen, Wiederanlauf, Kommunikation, Krisensteuerung und die Fähigkeit, kritische Leistungen trotz Störung weiterzuführen oder schnell wiederherzustellen.

Ist BCM nur ein IT-Thema?

Nein. BCM betrifft zwar die IT, geht aber darüber hinaus. Es umfasst auch Prozesse, Standorte, Personen, Lieferanten, Kommunikation und Führungsentscheidungen. Das ergibt sich sowohl aus der BSI-Beschreibung als auch aus der NIS-2-Umsetzungslogik von ENISA.

Welche Norm passt fachlich zu BCM?

ISO 22301 ist der internationale Standard für Business Continuity Management Systems. Er beschreibt einen strukturierten Rahmen für Vorbereitung, Betrieb, Überwachung, Review und Verbesserung eines BCMS.

Was ist der häufigste Fehler beim BCM?

Zu glauben, BCM beginne erst beim großen Krisenhandbuch oder lasse sich auf Backups reduzieren. In der Praxis scheitert BCM häufiger daran, dass Prioritäten, Rollen und Wiederanlaufwege nicht sauber geklärt sind. Diese Aussage ist eine praktische Schlussfolgerung aus den offiziellen Anforderungen an Business Continuity und Disaster Recovery.

Unser Tipp

BCM heißt nicht, im Ernstfall heroisch zu improvisieren. Es heißt, vorher so viel Klarheit zu schaffen, dass das Unternehmen auch unter Druck handlungsfähig bleibt. Genau deshalb ist Business Continuity unter NIS-2 kein Randthema, sondern ein fester Teil belastbarer Sicherheits- und Resilienzarbeit. Wenn kritische Prozesse bekannt sind, Verantwortlichkeiten klar sind und Wiederanlauf realistisch geplant und getestet wurde, ist im Notfall deutlich mehr drin als nur Hoffnung.

Interesse geweckt?

Wenn Sie BCM so aufbauen wollen, dass es im Ernstfall nicht nur gut klingt, sondern wirklich trägt, dann lassen Sie uns sprechen oder schreiben uns etwas gleich hier rechts unten auf der Seite in den Chat!

Über den Autor

Joachim Reinke

Joachim Reinke unterstützt seit 2017 Unternehmen beim Aufbau praxistauglicher Managementsysteme für Informationssicherheit und Qualität. In dieser Zeit hat er bereits mehr als 100 Unternehmen begleitet. Er ist zertifizierter Lead Auditor und als Dozent für Informationssicherheit und Qualitätsmanagement bei Zertifizierern und Trainingsanbietern tätig. Kunden schätzen besonders seine klare, praxisnahe und verständliche Vermittlung auch anspruchsvoller Inhalte.

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}